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Fachliche Grundlagen > Genese und Geogenese > Geogenetische Definition > Lockergesteine > Einleitung Gletscher

Gletscherablagerungen und glazigene Vollformen - Einleitung (H. Rother & S. Wansa)

Einleitung

(H. Rother & S. Wansa)

Durch die abrasive Bewegung von Gletschern über ihren Untergrund und die Erosion durch subglaziale Schmelzwässer entstehen große Mengen an Gesteinsmaterial, welches mit dem Gletscher verfrachtet und schließlich an verschiedenen Positionen unter, vor und auf dem Eis zur Ablagerung kommt. Die resultierende glaziale Fazies umfasst eine Fülle an Lockergesteinen, deren korrekte geogenetische Ansprache von zentraler Bedeutung für die Rekonstruktion glazialer Prozesse ist. Die vorliegende Datenblattsammlung liefert Begriffsdefinitionen wichtiger Gletscherablagerungen und glazigener Vollformen, mit Angaben zu ihren diagnostischen Merkmalen, den jeweiligen Bildungsräumen und der Abgrenzung zu Nachbarbegriffen. Es handelt sich dabei um eine grundlegende Neubearbeitung und Erweiterung der Terminologie der „Eisablagerungen“ aus Hinze et al. (1989). Zu den Gletscherablagerungen werden alle Lockergesteine gerechnet, die im direkten Eiskontakt (d. h. glazigen) gebildet wurden. Nicht inbegriffen sind Ablagerungen, die zwar im glazialen Kontext entstanden, aber ohne direkten Eiskontakt akkumuliert wurden (z. B. proglaziale Schmelzwasserablagerungen und eisferne gravitative Umlagerungsbildungen). Grundlegend für die sedimentologische Kartierung von Gletscherablagerungen im hier definierten Sinne ist somit zunächst das begründete Ausweisen glazigener Sedimente auf Basis lithologisch-struktureller Kriterien. Im nächsten Schritt erfolgt dann die weitere Untergliederung der glazigenen Fazies selbst, wobei hier die Kennzeichnung subglazial entstandener Sedimente von besonderer Relevanz ist, da nur diese explizit einen Eisvorstoß über den kartierten Standort hinweg belegen.
 
Folgende Neuerungen in den Begriffsdefinitionen der Gletscherablagerungen und glazigener Voll-formen seien herausgestellt:
 
Konsequente Trennung von petrogenetischen und geomorphologischen Begriffen
Im Deutschen wurden bislang glazigene Sedimente und Vollformen mit gleichen oder ähnlichen Begriffen belegt (Moräne), was in vielen Fällen verwirrend ist und dem Anspruch an eine präzise Fachterminologie nicht gerecht wird. Beispielsweise wurde der Terminus Grundmoräne einerseits für die Beschreibung glazialer Landformen, gleichzeitig aber auch als Synonym für subglazial entstandene Sedimente (wie z. B. Geschiebemergel) verwandt. Zusätzlich findet der Begriff Moräne auch Anwendung auf das an der Gletscherbasis oder auf der Eisoberfläche mitgeführte, d. h. das in Bewegung befindliche Gesteinsmaterial. Die vorliegende Datenblattsammlung folgt diesbezüglich der internationalen Begriffsnutzung sowie den Empfehlungen von Lukas & Rother (2016) mit der Maßgabe, dass künftig der Begriff „Moräne“ in allen Varianten allein der Kennzeichnung glazialer Landschaftsformen vorbehalten bleibt.
 
Einführung der aktuellen Till-Klassifikation
Der englische Begriff Till für glazigen-diamiktische Lockergesteine wurde in den 1990er Jahren in der deutschsprachigen Literatur eingeführt (Piotrowski 1992), für die korrespondierenden Festgesteine ist der Begriff Tillit in der deutschen Fachterminologie bereits seit langem etabliert (z. B. Penck 1906, Füchtbauer 1988). Die hier vorgestellte Till-Klassifikation definiert Primärtill als ein subglaziales Sediment, welches durch direkte Materialfreisetzung aus basalem Gletschereis entsteht und dabei keine syn- oder postsedimentäre Überprägung, z. B. Sortierung durch Wasser oder gravitative Resedimentation, erfahren hat. Glazigene Sedimente (meist Diamikte) mit deutlichen Merkmalen sekundärer Überprägung (z. B. Fließstrukturen, Schichtung, Verarmung an Feinkorn infolge Durchspülung etc.) werden als Sekundärtill bezeichnet. Die weitergehende Detailansprache und Zuordnung zu bestimmten Primärtill-Typen (Traktionstill, Ausschmelztill) bzw. Sekundärtill-Typen (Fließtill, Abschmelztill, Unterwassertill) erfolgt anschließend auf Grundlage diagnostischer Merkmale (siehe jeweilige Datenblätter). Der Terminus Traktionstill wird nach Evans et al. (2006) als Sammelbegriff für die schwer gegeneinander abgrenzbaren Typen Lodgement Till (dt. Absetztill) und Deformationstill eingeführt.
 
Erweiterung der Liste um glazigene Vollformen
Im Unterschied zu Hinze et al. (1989) werden die Datenblätter zu den Begriffen Os und Kame in die Rubrik glazigene Vollformen gestellt (zuvor Einordnung unter die Rubrik Schmelzwasser-ablagerungen). Oser und Kames bestehen zwar zum größten Teil aus Schmelzwasserablagerungen, die Ansprache erfolgt aber aufgrund charakteristischer geomorphologischer Kriterien, die nur aus der Ablagerung in unmittelbarem Eiskontakt erklärbar sind, wodurch eine gemeinsame Klassifikation mit anderen Eiskontaktbildungen, wie den verschiedenen Moränentypen, naheliegt. Aufgrund der angestrebten Trennung von petrogenetischen und geomorphologischen Begriffen wird von der Weiterverwendung der Bezeichnungen Osablagerungen und Kameablagerungen als Sedimentbe-zeichnung abgeraten.
In Anlehnung an aktuelle Literatur (u. a. Pedersen 2014) wird für glazigene Stauchgebiete mit spezifischer Internstruktur der Begriff Glazitektonischer Komplex definiert.
 
Literatur
Evans, D. J. A., Phillips, E. R., Hiemstra, J. F. & Auton, C.A. (2006): Subglacial till: Formation, sedimentary characteristics and classification. – Earth Science Reviews, 78: 115–176.
Hinze, C., Jerz, H., Menke, B. & Staude, H. (1989): Geogenetische Definitionen quartärer Lockergesteine für die Geologische Karte 1:25000 (GK 25). – Geologisches Jahrbuch, A 112: 243 S.
Lukas, S., Rother, H. (2016). Moränen versus Till: Empfehlungen für die Beschreibung, Interpretation und Klassifikation glazialer Landformen und Sedimente – E&G Quaternary Science Journal, 65 (2): 95−112.
Pedersen, S. A. S. (2014): Architecture of Glaciotectonic Complexes. – Geosciences, 4: 269–296.
Penck, A. (1906): Südafrika und die Sambesifälle. – Geogr. Zeitschrift, 11: 601–611.
Piotrowski, J. A. (1992): Was ist ein Till? Faziesstudien an glazialen Sedimenten. – Die Geowissenschaften, 10: 100–108.


(Letzte Aktualisierung dieser Seite: Last update : 25.07.2019 10:02:21)
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